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muss man anatomie lernen um menschen malen zu können?

 

menschen darzustellen, war schon seit jeher ein lieblingsmotiv in der darstellenden kunst. der grund dafür liegt meiner meinung nach in der vielschichtigkeit des motivs. wir haben hier einerseits mit der rein physischen erscheinung zu tun, die als solche schon interessant genug ist, aber meistens auch noch mit psychologischen komponenten angereichert ist.

schön und gut, aber gleichzeitig haben wir es hier mit einer enormen schwierigkeit zu tun. menschen sind verdammt schwer überzeugend darzustellen.

ein grund liegt in der vielzahl von anatomischen details mit denen ein körper ausgestattet ist. man denke nur an die vielen sehnen, muskeln und knochen. von organen, die echte schweissperlen auf die stirn jedes malers treiben, wie zum beispiel, hände, ohren, nase, mund usw, ganz zu schweigen.

ein anderer grund liegt in unserer instinktiven kenntnis des menschlichen körpers. natürlich hat der durchschnittsmensch keine ahnung von der masse der muskeln und knochen, aber selbst ein kleines kind spürt instinktiv, wenn ein menschlicher körper oder ein gesicht nicht korrekt wiedergeben ist.

wie nimmt man jetzt die unüberschauliche vielzahl von problemen, die ein menschlicher körper in summe darstellt, sinnvoll in angriff?

eine möglichkeit sind anatomiebücher für künstler. leider sind die wenigsten davon wirklich gut. nach einiger erfahrung würde ich sogar sagen, dass die am weitesten verbreiteten nahezu unbrauchbar schlecht sind. mit etwas mühe und forschungsarbeit lassen sich dennoch ganz gute auftreiben. recht gut sind anatomiebücher von und für comiczeichner, allerdings auch nur jene, die von profis für profis gemacht wurden. auf dem gebiet tummeln sich leider viele selbsternannte fachleute, von denen man höchstens die kunst der selbstverkmarktung lernen kann.

das problem mit anatomiebüchern ist allerdings, dass man mit dem blossen abzeichnen so gut wie nichts erreicht. wirklich weiterkommen tut man nur, wenn es einem gelingt das vorhandene anatomiewissen so zu verinnerlichen, dass man in der lage ist, aus der vorstellung heraus korrekte figuren zu zeichnen. eine aufgabe, die durchschnittlich gebaute gehirne, so wie meines zum beispiel, regelmässig zum überkochen veranlasst. mein prozessor ist für solche tätigkeiten anscheinend nicht konstruiert worden und zu einem upgrade bin ich schon zu alt.

nach modell zeichnen und malen zu lernen ist hilfreich. wobei es hier weniger um anatomiekenntnisse geht, als vielmehr um korrektes sehen. ich bin allerdings der meinung, dass anatomisches wissen hierbei von grossem nutzen ist. wenn man nämlich weiss, dass sich irgendwo ein muskel oder knochen tummelt, so wird man sie auch viel eher sehen.

gibt es eine möglichkeit menschen zu zeichnen und zu malen ohne sich näher mit modellen und anatomiebüchern auseinanderzusetzen?

ja, die gibt es. indem man dem betrachter klar zu verstehen gibt, dass einen die anatomie nicht im mindesten interessiert. das heisst, dass man die menschen in einer reduzierten, vereinfachten form wiedergibt und sich von vornherein gar nicht auf das dünne eis der korrekten darstellung von muskeln, sehnen und knochen einlässt. dass das umgehen von anatomieproblemen kein hindernis auf ihrem weg zum ruhm und reichtum darstellt kann man an einer menge von künstlern sehen, die perfekte anatomiekenntnisse gehabt haben, aber ab einem bestimmten punkt ihrer karriere einfach auf sie verzichtet haben.

ganz, ganz problematisch ist es allerdings sich auf die anatomie einzulassen, ohne eine ahnung von ihr zu haben. wie schon gesagt, selbst kleine kinder merken, dass "da etwas nicht stimme", von erwachsenen ganz zu schweigen. ich habe künstler öfters darauf angesprochen (viel feind, viel ehr´...) und habe meistens dieselbe antwort bekommen: die anatomie hat mich nicht interessiert...

eigenartige antwort. wenn es einen nicht interessiert hat, warum dann sich selber und den betrachter damit langweilen? wie schon gesagt, mit dem blossen (misslungen) versuch die anatomie darzustellen, werden sie keine bonuspunkte bekommen, ganz im gegenteil, also wozu dann?

ok, ok, jetzt gibt es natürlich auch die sorte künstler, die sich darin ereifern dem betrachter möglichst ausgefeilte scheusslichkeiten um die augen zu schmeissen. für die ist die anatomie natürlich ein gefundenes fressen, da man hier ganz ohne anstrengungen, sozusagen von haus aus, diletantische spitzenleistungen liefern kann. aber solche leute sind nicht unbedingt meine zielgruppe und ich glaube auch nicht, dass sie zu meinen begeisterten leser gehören.

zusammenfassend gesagt, malen sie nie dinge, die sie nicht beherrschen. entweder sie eigenen sich das fehlende wissen an oder vergessen die angelegenheit und malen etwas anderes. das gilt nicht nur für die anatomie.

 

hört auf eure instinkte.

 

goldrausch

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