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muss ein portrait ähnlich schauen?

eine malerkollegin hat mir von einem witzigen erlebnis erzählt. sie besuchte einmal einen portraitmalkurs in dem ihr von vornherein klar war, dass sie nichts lernen würde. es war einer dieser "schulterklopf-" und "legen sie etwas mehr emotionen hinein"-kurse, aber es wurde jede woche nach modell gemalt. so hatte sie die möglichkeit für relativ wenig geld und ohne selber ein modell organisieren zu müssen, nach der natur malen zu können. das allgemeine niveau der kursteilnehmer war erschreckend niedrig, zumal die meisten von ihnen diesen kurs schon jahrelang besuchten. sie malten wahrscheinlich genauso, wie sie vor dem kurs gemalt hatten oder vielleicht sogar noch schlechter. eine ellipse für das gesicht, zwei glasmurmeln je in eine mandelförmige schale als augen hineingelegt, strichnase, mund je nach gesichtsausdruck entweder als strich oder leicht nach unten oder oben gebogen, dazwischen farbe hineinschrubbeln. das lag hauptsächlich daran, weil ihnen keiner sagte, wie sie es besser machen könnten, es interessierte sie aber anscheinend auch nicht.
wie auch immer. meine malerkollegin ging schulmässig vor. wenn man in der portraitmalerei noch nicht so gefestigt ist, dann gibt es klare rezepte wie man vorgehen soll. zunächst grob die proportionen vorlegen, dann hell und dunkel flächenmässig und mit möglichst wenig farben und ohne details von einander trennen, dann helle, mittlere und dunkle töne herausarbeiten und wenn man mit dem proportionen zufrieden ist, sich langsam zu den details hinarbeiten. die kursleiterin war beeindruckt und beobachtete meine malerkollegin einige minuten beim malen. dann fragte sie etwas irritiert: sag´einmal, warum ist dir ähnlichkeit so wichtig?

natürlich hat die kursleiterin recht. ähnlichkeit ist überhaupt nicht wichtig. es gibt kein gesetz dieser welt, dass einen zwingt bilder zu malen, die irgendwem auf dieser welt ähnlich sehen. trotzdem kann man mit modell arbeiten, aber eben mit dem festen vorsatz das modell nur als ausgangspunkt zu nehmen und sich dann bewusst davon zu entfernen. das endprodukt muss dann nicht einmal figurativ sein. ist alles legitim...solange es nicht portrait genannt wird. thema dieses kurses war allerdings portraitmalerei. das heisst, die ähnlichkeit zu einer bestimmten person, in diesem fall dem modell, war das eigentliche thema.

nun, warum wurde das thema dann ignoriert?

der grund ist ganz einfach, portraitmalerei ist verdammt schwierig. diese art von malerei verlangt sowohl vom kursleiter als auch von den schülern ein hohes mass an einsatzbereitschaft ab, die in diesem fall offensichtlich beide seiten nicht bereit waren an den tag zu legen. wenn dann jemand kommt und ein mindestmass an können vorlegt, so kann er wie in diesem fall nur für schlechte stimmung sorgen.

man hört oft als lob für ein portrait, dass das bild tatsächlich jemandem ähnlich schaue. das ist so wie wenn man einen tischler dafür lobt, dass der tisch, den er gezimmert hat, nicht umfällt, sobald man etwas draufstellt. mit der ähnlichkeit hört die portraitmalerei nicht auf, sie fängt vielmehr erst an. sie ist absolute voraussetzung, ohne die man im eigentlichen sinne von einem portrait überhaupt nicht reden kann.
so unerreichbar diese fertigkeit einem amateurmaler auch erscheinen kann, so hat kaum ein professioneller figurativer maler damit schwierigkeiten. der grund liegt einfach in der übung. wenn man jahrelang regelmässig nach modellen gemalt hat und nicht gänzlich untalentiert ist, bekommt man die ähnlichkeit zu einem menschen irgendwann einmal im schlaf hin.

die ähnlichkeit ist aber wie schon erwähnt nicht das ziel, sondern voraussetzung für gute portraitmalerei. das ziel dieser disziplin liegt nicht in der physischen ähnlichkeit, sondern im erfassen der ganzheitlichen persönlichkeit eines menschen, sowohl auf der physischen, als auch auf der geistigen ebene. diese geistige ebene kann man aura, austrahlung, charakter, persönlichkeit oder wie auch immer nennen. sie erfassen oder gar wiedergeben können die wenigsten maler. das ist auch der grund, warum sehr viele hervorragende maler nicht bereit sind portraits zu malen. der prozess ist ihnen zu unsicher und unvorhersehbar. wenn sie eine landschaft oder eine allegorie malen, so wird ihnen kein mensch vorwerfen, dass die landschaft oder die figurengruppe von ihrer vorlage abweicht. bei einem portrait ist es anders. ihre künstlerische freiheit ist durch die vorlage eindeutig eingeschränkt.

wie erfasst man die ganzeitliche persönlichkeit eines menschen?

die antwort wird vielleicht etwas verwundern, aber man erfasst sie, indem man sie ignoriert und sich auf die rein physische ähnlichkeit konzentriert. die geistige ebene liefert man dann entweder unbewusst mit oder gar nicht. es ist eben nicht jeder zu einem guten portraitmaler geboren.

wann ist ein portrait gelungen?

wenn die dargestellte person mit dem bild zufrieden ist? weit gefehlt. der oder die dargestellte selbst hat keine ahnung wie sie oder er ausschaut. keiner von uns hat wirklich eine ahnung wie wir selber ausschauen. wir schauen uns ja kaum in den spiegel, paar mal am tag höchstens, wenn überhaupt. ob ein portrait gelungen ist, das bestimmt der lebensgefährte, die eltern, kinder usw. jedenfalls menschen, die UNS regelmässig anschauen. die wissen wesentlich besser, wie wir aussehen, als wir selber.

zum abschluss schulde ich dem leser eine antwort auf die am anfang dieses textes gestellte frage: muss ein portrait ähnlich schauen?

natürlich nicht. aber dann nennen sie es nicht portrait.

 

hört auf eure instinkte.


goldrausch

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