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malen lernen IV - der weg des samurai


sie haben sich mit malmaterial und guten tips eingedeckt und sitzen jetzt hoffnungsvoll mit pinsel in der hand vor der leinwand. und was nun? wie legt man ein korrektes bild an? so wie meistens im leben führen viele wege zu einem guten ergebnis.

sie können zum beispiel mit kohle oder dem pinsel direkt auf der leinwand vorzeichnen. das ziel ist allerdings keine meisterzeichnung, sondern nur eine definition der wichtigsten flächen und proportionen im bild. und schon höre ich paar leute, die gerne mit dem bleistift vorzeichnen würden. meine antwort darauf ist ein kategorisches NEIN. der grund ist einfach. mit dem bleistift in der hand sehen sich viele menschen verleitet so unsinnige details wie z.b. wimpern oder einzelne haare zu zeichnen. mit der kohle oder dem malpinsel ist das fast nicht möglich. fast.

dann malen sie jede fläche mit einem mittelton aus. mittelton heisst, dass sie die farbe sowohl in die helligkeit als auch in die dunkelheit noch steigern können. sofern sie draufkommen, dass einzelne flächen nicht richtig ausgeformt sind, können sie diese grossflächig korrigieren. das ist auch grund, warum in diesem stadium alle details überflüssig sind. es hat keinen sinn augen und wimpern zu malen, wenn sie dann draufkommen, dass die gesamte gesichtfläche falsch positioniert ist. schade um die details.

wenn sie mit allen flächen und mit dem mittelton einverstanden sind, können sie diese nun weiter aufspalten. am besten in helle, mitteltöne und dunkle töne. nach möglichkeit sollten sie dabei so wenig wie möglich weiss und schwarz verwenden und mit anderen farben sowohl aufhellen als auch verdunkeln. nur so erhalten sie die farbigkeit im bild. details sind noch immer überflüssig. erst mit diesen drei tonabstufungen können sie zuverlässig abschätzen ob die flächen zueinander passen. für alle jene, die ungeduldig in den startlöchern scharren, jetzt fängt die zeit für details an. wimpern oder einzelne haare sind aber auch jetzt nicht anzuraten. sie sind eigentlich nie anzuraten.

es ist hilfreich bei der untermalung die farben zu reduzieren. es ist zum beispiel möglich die untermalung nur in schwarz/weiss zu halten oder nur in braun- oder erdtönen. historisch gesehen waren braun- und erdtöne in untermalungen sehr populär, da diese farben sehr günstig und leicht zu bekommen waren (man brauchte nur in den wald zu gehen und sie einzusammeln...) der form halber mischten sie dann noch paar blau- und rottöne und das war es dann.

und?, höre ich wieder den aufmüpfigen schüler fragen, malt goldrausch auch so brav? natürlich nicht, habe aber lange so gemalt. der grund dafür ist indirekt das internet. da kann man eine unglaubliche menge von hervorragenden malern finden, von denen selbst ich noch viel lernen kann. geographisch gesehen ist mitteleuropa dafür kein gutes pflaster, denn da gibt es mehr künstler als maler. aber es gibt länder, in denen es tatsächlich noch den beruf des malers gibt. die usa oder russland sind zum beispiel solche länder.
einige dieser maler geizen nicht mit interessanten informationen und paar stellen sogar videos zur verfügung in denen man sehen kann wie diese meister zu werke gehen. und da habe ich nicht schlecht gestaunt. einige hervorragende maler in den usa pinseln die leinwand kaltblütig von links oben nach rechts unten aus. ohne rücksicht auf flächen, mitteltöne oder was auch immer. sie bemühen sich einfach sofort den richtigen ton zu finden.
diese vorgangsweise kommt wahrscheinlich von gewerblichen illustratoren, die keine zeit haben lange mit flächen und tönen zu spielen. sie mussten unter enormen zeitdruck hochwertige ergebnisse erzielen und das war ein guter weg. erfordert allerdings eine korrekte vorzeichnung, viel erfahrung und hohe konzentration beim arbeiten.

das brachte mich zum grübeln und schliesslich fing ich auch so an zu malen. was sind nun die vorteile:
erstens kommt es einer meiner charakterlichen schwächen entgegen. ich tendiere zum herumeiern beim malen. durch die bedächtige mehrstufige malweise, haben sie jedes mal die gelegenheit sich langsam zum richtigen ton hinzuarbeiten, was wiederum heisst, dass sie die wahl des richtigen farbtones immer wieder aufschieben können. deshalb war es eine gute idee sich zu zwingen, sofort den richtigen ton zu finden. und ich staunte nicht schlecht - ich konnte es gar nicht. aber mit der zeit wurde ich natürlich besser und mittlerweilen funktioniert es sehr gut. kein herumeiern mehr.

es gibt noch einen vorteil. ein ausgeprägter intellekt ist eine gute sache, beim malen dagegen leider weniger. ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass diese eigenschaft beim malen richtiggehend stört. eine der ursachen ist, dass uns der verstand bei der wahrnehmung dazwischenfunkt. statt zu sehen, sagt uns der verstand, "ach was strengst du dich so an, du weisst doch wie ein umhang, nase, augen, vogel, was auch immer, ausschaut - wozu überhaupt sehen?". und schon zaubert uns der verstand aus seiner reichlich ausgestatteten visuellen bibliothek beispiele von umhängen, nasen, augen usw. und anstatt das zu malen, was sich vor unseren augen abspielt, malen wir sachen aus der erinnerung, so wie wir glauben, dass augen, nase usw. ausschauen. dieser intellektuelle zusammenhang bleibt bei der malerei nach flächen erhalten, denn wir malen auf einmal "die haut", "die kleider" usw, das heisst dinge, von denen uns der verstand vorgaukelt, dass sie gewissermassen "zusammengehören". das tun sie aber in wirklichkeit gar nicht! die farben eines umhanges vom hellsten bis zu seinem dunkelsten tonwert werden völlig verschieden sein. der helle tonwert des umhanges wird zum beispiel viel mehr hauttönen ähneln als seiner eigenen dunkelsten ausformung. damit würde er rein visuelle gesehen, viel mehr zur haut gehören, als zur schattenseite desselben.

lange rede kuzer sinn. wenn sie ein bild einfach von oben nach unten heruntermalen, so reissen sie die dinge aus ihrem intellektuellen zusammenhang. sie malen zuerst haar, dann den kragen, dann das hemd, dann vielleicht wieder eine hand usw. im grunde wird es ihnen egal was sie malen und sie versuchen nur den richtigen ton zu treffen, ziemlich unabhängig vom gegenstand, den sie gerade malen. und die bilder werden dann erstaunlich gut, weil sie damit ihrem eigenen intellekt ein schnippchen schlagen und sich nur auf ihren SEHEN verlassen.

diese vorgangsweise hat ein gewisser chuck close auf die spitze getrieben. er hat seine fotomotive in winzige tonwertraster eingeteilt und dann einfach diese tonwertraster auf seinen grossformatigen leinwänden reproduziert, der reihe nach, von oben nach unten. der trick war, dass er während des malvorganges überhaupt nicht gewusst hat, woran er gerade malt und sich lediglich auf die wiedegabe korrekter tonwerte konzentriert hat. und siehe da! die bilder waren zum schluss atemberaubend hyperrealistisch!

und bei der entscheidung ob man eher herumeiern oder sich gleich bemühen sollte den richtigen ton zu treffen, können wir uns ratsuchend an die japanischen samurai wenden. bei denen heisst es:

genau planung und umsichtige strategie können von grossem nutzen sein. aber grundsätzlich ist der weg des samurai - ein direkter.


hört auf eure instinkte.

 

goldrausch


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