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krieg der welten, figurativ gegen abstrakt

es gibt ein einfaches psychologisches gesetz und das lautet: je stärker der druck auf eine gruppe ist, desto stärker ist der zusammenhalt innerhalb der gruppe. künstler reagieren natürlich anders. wo kämen wir auch hin, wenn sie so vorhersehbar und durchschaubar agieren würden, wie andere sterbliche.
dabei ist der druck auf die künstler im allgemeinen wirklich nicht gering. abgesehen von ihrem nächsten umfeld, wo man sowieso der meinung ist, dass sie früher oder später unter der brücke landen werden, ist die öffentlichkeit auch nicht besonders gut auf sie zu sprechen. sie gelten als aufmüpfig und launisch, ständig wollen sie mehr geld und dabei weiss niemand so recht wozu man künstler überhaupt braucht.

angesicht dieser situation, könnte man zum schluss kommen, dass künstler eisern zusammenhalten und schulter an schulter konsequent und engagiert um ihre rechte und anerkennung kämpfen. weit gefehlt. es wird wahrscheinlich in keiner berufsgruppe so verbissen und unerbittlich gegeneinander gekämpft wie unter künstlern. figurative gegen abstrakte, installateure gegen multi-medialisten, performer gegen computer-künstler, konzeptionalisten gegen fotografen usw. dabei geht es natürlich nicht nur um die blosse idealistische vorherrschaft im kunsttempel, sondern wie meistens wenn menschliche emotionen hohe wellen schlagen, um sehr viel geld. es gilt nämlich investorengelder von privaten und institutionellen sammlern in die richtigen, sprich eigenen kanäle zu lenken. fortuna hat sich in dieser hinsicht als sehr wankelmütig gezeigt. kunstrichtungen, die jahrzehntelang die vorherrschaft gehalten haben, brechen in kürzester zeit wie kartenhäuser zusammen und totgeglaubte stehen zum x-ten mal hartnäckig wieder auf. fad ist es am kunstsektor wirklich nicht.

im rahmen dieses artikels werde ich mich speziell mit dem kampf zwischen figurativer und abstrakter malerei auseinandersetzen. alle anderen teilkriege würden den rahmen sprengen.

bis zum anfang des 20. jahrhunderts hatten die figurativen haushoch die nase vorn. kein wunder, denn es gab die abstrakte malerei noch gar nicht. die enstand erst aus z.b. der konsequenten reduktion eines mondrian, der intellektuellen experimentierfreudigkeit eines du champ oder allgemein gesagt aus der zerstörung der figurativen form, zugunsten einer malerei, die ohne direkten bezug zu konkreten menschen oder objekten auskommt. die geburtsstunde der abstrakten malerei lässt sich nicht so leicht bestimmen, aber es wird grundsätzlich von der zeit kurz vor dem ersten weltkrieg ausgegangen. um keine missverständnisse aufkommen zu lassen, wir reden hier nicht von der eigentlichen geburt der abstrakten malerei, die gab es schon vorher, sondern von ihrer akzeptanz als kunstform. ein wichtiger unterschied, denn es gibt viele disziplinen, die im vorzimmer der kunst begierig darauf warten endlich als volle kunstformen anerkannt zu werden, z.b. sackhüpfen, schaumrollen essen oder ausstellungen kuratieren, um nur einige zu nennen. diese tätigkeiten gibt es schon lange, nur hat sich noch niemand getraut sie so richtig als kunst zu betrachten, obwohl es gerade bei der letzteren sehr starke tendenzen in diese richtung gibt.

bis in die dreissiger jahre hatte die figurative malerei die nase noch immer weit vorne, obwohl die abstrakte malerei immer mehr zu einem ernstzunehmenden gegner wurde. dann passierte etwas sehr unglückliches, nicht nur auf dem gebiet der kunst. europa geriet in den würgegriff der italienischen, deutschen und sowjetischen diktaturen. in ihnen fand die figurative malerei einen verbündeten, auf den sie liebend gerne verzichtet hätte, aber sie hatte gar keine wahl. die figurative malerei wurde von diesen diktaturen zur mehr oder weniger einzigen anerkannten kunstform erhoben, alle anderen darstellungsarten wurden unter strafandrohung verboten oder zumindest offiziell für unerwünscht erklärt. ausnahme war die sowjetunion, die wahrscheinlich um ihren avangardeanspruch auch auf dem kunstsektor zu wahren, zumindest einige abstraktionstendenzen zu repräsentationszwecken am leben hielt. von einer nur annähernden freiheit der kunst, konnte natürlich auch dort keine rede sein.

mit dem niedergang des tausendjährigen, reiches deutschen und italienischen ursprungs, nach knapp einem jahrzehnt, änderte sich das kräfteverhältnis zwischen der abstrakten und figurativen kunst in mitteleuropa dramatisch. die abstrakten kamen, sofern sie diese jahre überlebt hatten, aus den gefängnissen, lagern und dem exil zurück und wollten blut sehen und zwar figuratives. nun kam es zur abstrakten gegenreformation, die natürlich nicht so krass und menschenverachtend vollzogen wurde wie unter den diktaturen, aber immerhin mit einer ganz schönen härte und konsequenz. die figurative malerei wurde für tot erklärt, die abstrakte oder zumindest sehr abstrahierte und auf formale qualitäten verzichtende malerei zur einzig anerkannten darstellungsform erklärt. alles natürlich mit legalen, demokratischen mitteln. die figurative malerei räumte schmollend das feld, hörte aber nie so richtig auf zu existieren und sich weiterzuentwickeln. das hatte unter anderem was mit der nie aufhörenden nachfrage nach figurativen bildern zu tun. wenn man ein portrait von einem familienmitglied haben will, dann sind tachisten und informelle nur bedingt einseztbar und das kleine töchterchen wird mit einem art brut pferdebildchen auch wenig freude haben.

um die schleppende popularität der abstrakten malerei zu steigern, wurde auf breiter front angegriffen. kunstjournalisten, galeristen und opinion leader wurden nicht müde bei der betonung der vorzüge der abstrakten malerei. selbst die entwicklung ging eine zeitlang zügig voran, siehe pollock oder nietzsch. das problem war nur, dass die meisten dieser weiterentwicklungen evolutionäre sackgassen waren. das heisst, dass die welt nur einen drippenden pollock und nur einen schüttenden nietzsch braucht. wer als zweiter kommt, verliert. daher kann man bei diesen einmann-shows kaum von einer kunstrichtung im eigentlichen sinne reden.
in den achtzigern, spätestens mitte der neuziger, kam es dann zum eklat, den niemand für möglich gehalten hätte. die abstrakte malerei war als vorherrschende kunstbewegung am ende. zum einen war die abstrakte gilde selber an dieser misere schuld, weil sie es als bewegung verabsäumt hat, für transparente qualitätskriterien zu sorgen und weil sich die rein physische kombination von abstrakten inhalten irgendwann einmal erschöpft. jeder der sich einmal durch eine ca. 40 bilder grosse abstrakte bilderausstellung durchgekämpft hat, weiss wovon ich rede.

naive mitmenschen könnten jetzt auf den gedanken kommen, dass die zeit für die figurative malerei wieder reif war. nur bedingt. zugegeben, die figurativen nützten die gunst der stunde, sprich den niedergang der abstrakten malerei und schaufelten nach leibeskräften nach, die neuen wilden und wie sie alle hiessen wurden geboren. war aber nur ein kurzes aufflackern, denn die kunstbranche hatte schon den nächsten platzhirsch ausgewählt, nämlich die fotografie. wiederum kam es zu einem höchst konzertanten vorgehen von journalisten, galeristen und opinion leadern die in höchsten tönen die vorzüge der kunstfotografie hervorkehrten, worauf alles sammler achten müssen usw. das hauptproblem liegt hier allerdings in der natur der fotografie. vom unikat kann man hier nur bedingt reden und die haltbarkeit von lichtempfindlichen papieren gehört auch nicht gerade zu den vorzügen dieser kunstrichtung.

seitdem führen sowohl die abstrakte als auch die figurative malerei einen harten überlebenskampf gegen die am anfang dieses textes angeführten relativ neuen kunstrichtung. und trotzdem werden die vertreter der beiden malerischen standpunkte nicht müde sich gegeneinander abzugrenzen, statt die lösung in einem umfassenden die abstrakte und figurative problematik vereinigendem ansatz zu suchen.

ich persönlich sehe keinen grossen unterschied zwischen der abstrakten und figurativen malerei. der einzige unterschied ist, dass die flecken der figurativen malerei im kopf des betrachters assoziationen zu lebewesen oder objekten verursachen. die abstrakte malerei muss ohne diese stütze auskommen und daher finde ich, dass es in der regel schwerer ist ein gutes abstraktes bild zu malen, als ein figuratives.
von den gegnern abstrakter malerei wird oft die "sinnlosigkeit" der meisten abstrakten bilder als kritik angeführt. ich kann ohne weiteres den spiess umdrehen und behaupten, dass mir viele figurative gemälde genauso sinnlos erscheinen, wie manche fleckerlbilder. die blosse tatsache, dass ein objekt darauf zu erkennen ist, heisst noch lange nicht, dass wir mit diesem bild was anfangen können. es gibt eine unmenge figurativer bilder die absolut langweilig und nichtssagend sind, gute abstrakte malerei kann dagegen genauso interessant und spannend sein wie z.b. gute portraits.
meine malschüler der abstrakten richtung sind immer wieder erstaunt, wenn ich sie anhalte, bleistiftskizzen von ihren geplanen abstrakten bildern zu machen. viele menschen gehen davon aus, dass abstrakte malerei eine völlig spontane reise sein muss, die irgendwo hin führt. natürlich kann man es so betreiben, aber diese einstellung führt eher in richtung unbekümmerter farb- und formexperimente, wie wir sie aus der energie- und emotionaler malerei kennen, die zwar als kreativer ausgleich zu unserem stressigen alltag sehr sinnvoll sein können, aber selten wirklich brauchbare ergebnisse hervorbringt. abstrakte gemälde, die mir gefällt, ist das ergebnis eines mühsamen ringens um harmonische form- und farbkombinationen und damit unterscheidet sie sich von der figurativen malerei eben nur im hinblick auf die weiter oben erwähnte assoziation zu lebewesen und objekten. sonst gibt es keinen unterschied.
die figurativen wiederum, können von der abstrakten sichtweise nur profitieren. ein bild wird umso realistischer, je abstrakter man es zunächst angeht und wenn man z.b. einzelne teile eines figurativen bildes aus seinem kontext reisst, kann man sehr interessante und gute abstrakte (teil)bilder daraus gewinnen.

meine meinung zur abstrakten und figurativen malerei ist daher, dass die gemeinsamkeiten bei weitem die unterschiede überwiegen. es ist für beide gruppen von malern von vorteil ab und zu im gebiet der anderen zu wildern, um zu üben oder vielleicht auch um ernsthafte ergebnisse zu erzielen. unsere eigentliche disziplin und damit wir, können davon nur profitieren.

vergesst die unterscheidung in figurative und abstrakte bilder. es gibt nur gute und schlechte bilder.

 

hört auf eure instinkte.

 

goldrausch

 

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